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Posted by: nico on Dec. 15, 2009

Die Bedeutung von Seattle: Wahrheit wird nur durch Handeln wahr, von Walden Bello

(Original: The Meaning of Seattle: Truth Only Becomes True Through Action. Veröffentlicht auf der Website des Transnational Institute unterhttp://tni.org/article/meaning-seattle-truth-only-becomes-true-through-action.)

//WTO + 10: Vor dem Jahr 1999 schien die Eigendynamik der Globalisierung alles wegzufegen, was ihr im Weg stand – einschließlich der Wahrheit. Aber in Seattle haben ganz normale Frauen und Männer mit kollektiven Aktionen  Wahrheit zu Wirklichkeit werden lassen.//

Mittlerweile wird allgemein akzeptiert, dass die Globalisierung hinsichtlich ihres dreifachen Versprechens, Länder aus ihrer Stagnation zu befreien, Armut zu eliminieren und Ungleichheit zu verringern ein Fehlschlag gewesen ist. Der gegenwärtige tiefgreifende globale Abschwung, der in einer durch die Konzerne vorangetriebenen Globalisierung und Liberalisierung der Finanzmärkte wurzelt, und die neoliberale Ideologie, die sie legitimiert, haben den letzten Nagel in den Sarg der Globalisierung geschlagen.

Aber ein Jahr zuvor waren die Dinge ganz anders. Ich erinnere mich noch immer an die Zeichen des Triumphs, die die ersten Ministertreffen der Welthandelsorganisation im November 1996 in Singapur umgaben. Dort wurde uns von Vertretern der USA und anderen entwickelten Ländern erzählt, dass eine durch Konzerne voran getriebene Globalisierung unausweichlich und zukunftsweisend sei und dass nur noch die Strategien der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds und der WTO kohärenter  gestaltet werden müssten. Das sei die einzige noch bestehende Aufgabe, um die neoliberale Utopie einer integrierten globalen Wirtschaft noch schneller zu erreichen.

In der Tat schien die Eigendynamik der Globalisierung alles wegzufegen, was ihr im Weg stand, einschließlich der Wahrheit. In dem Jahrzehnt vor Seattle gab es viele Studien, UN-Reports inbegriffen, die an der Behauptung zweifelten, Globalisierung  und Richtlinien für freie Märkte führten zu anhaltendem Wachstum und Wohlstand. Und wirklich haben die Tatsachen gezeigt, dass – besonders auf der südlichen Halbkugel – Globalisierung und marktfreundliche Strategien eine größere Ungleichheit und Armut fördern sowie wirtschaftliche Stagnation verfestigen. Allerdings blieben diese Darstellungen in den Augen von Akademikern, der Presse und politischer Strategen „Halbwahrheiten“ und sie wiederholten ergeben das neoliberale Mantra, dass wirtschaftliche Liberalisierung Wachstum und Wohlstand fördere. Die konventionelle Sichtweise, die bis zum Erbrechen in Klassenzimmern, in der Presse und in politischen Kreisen wiederholt wurde, bestand darin, Globalisierungskritiker als moderne Maschinenstürmer zu bezeichnen, oder als Menschen, die glauben, die Erde sei eine Scheibe, wie Thomas Friedmann uns verächtlich brandmarkte.

Dann kam Seattle. Nach jenen stürmischen Tagen begann die Presse, über die „dunkle Seite der Globalisierung“, über die Ungerechtigkeiten und die Armut zu sprechen, die durch die Globalisierung hervorgerufen werden. In der Folge gab es die spektakulären Überläufer aus dem Lager der neoliberalen Globalisierungsanhänger, unter ihnen der Finanzier George Soros, der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und der Starkolumnist Jeffrey Sachs. Der intellektuelle Rückzug der Globalisierer erreichte seinen Höhepunkt wohl vor zwei Jahren in einem umfassenden Bericht einer Gruppe neoklassischer Wirtschaftswissenschaftler unter der Leitung von Angus Deaton aus Princeton und dem früheren IWF-Chefökonomen Ken Rogoff. Darin wurde ernsthaft behauptet, die Forschungsabteilung der Weltbank, die am häufigsten beteuert hatte, Globalisierung und Handelsliberalisierung führten zu geringerer Armut, anhaltendem Wirtschaftswachstum und weniger Ungleichheit – hätte absichtlich Daten verzerrt und / oder unbegründete Behauptungen aufgestellt.

Es stimmt zwar, dass der Neoliberalismus weiterhin die vorherrschende Lehre vieler Ökonomen und Technokraten ist. Aber schon vor dem jüngsten globalen Finanzkollaps hatte er bereits viel von seiner Glaubwürdigkeit und Legitimität verloren. Wodurch wurde dieser Wandel ausgelöst? Weniger durch Forschung oder Diskussion denn durch Aktionen. Es waren die Anti-Globalisierungsaktionen der Menschenmassen in den Straßen von Seattle, die in synergetischer Weise mit dem Widerstand der Repräsentanten der Entwicklungsländer im Sheraton Convention Center und Übergriffen der Polizei zusammen wirkte. In der Folge scheiterte das WTO-Ministertreffen in spektakulärer Weise und an Stelle von Halbwahrheiten traten Fakten und Wahrheiten. Und das intellektuelle Debakel, das der Globalisierung durch Seattle zugefügt wurde, hatte sehr reale Konsequenzen. Heute gibt der Economist, die führende Inkarnation des neoliberalen Globalisierungsglaubens zu, dass die „Integration der Weltwirtschaft an fast jeder Front auf dem Rückzug ist“ und sich tatsächlich ein Prozess der „Deglobalisierung“ entfaltet, den man früher für undenkbar gehalten hätte.

Seattle war etwas, das der Philosoph Hegel als „welthistorisches Ereignis“ bezeichnet hätte. Die bleibende Erkenntnis daraus ist, dass die Wahrheit nicht nur einfach da ist, objektiv und ewig existierend. Wahrheit wird durch Aktionen vervollständigt, in die Wirklichkeit umgesetzt und bestätigt. In Seattle ließen ganz normale Frauen und Männer Wahrheit durch kollektive Aktionen zu Wirklichkeit werden und zertrümmerten ein intellektuelles Paradigma, das der Herrschaft der Konzerne als ein ideologisches Schutzschild gedient hatte.


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Walden Bello

Senior-Analyst am philippinischen Thinktank Focus on the Global South, Fellow am Transnational Institute (TNI) und Akbayan-Repräsentant im Kongress der Philippinen.

Als Autor von über 14 Büchern wurde Bello im Jahr 2003 für „vorzügliche Beiträge zur Aufklärung der Zivilgesellschaft über die Auswirkungen der Globalisierung und dazu, wie Alternativen dazu verwirklicht werden können“ mit dem Right Livelihood Award (ach als Alternativer Nobelpreis bekannt) ausgezeichnet. Bello wurde im Economist als der Mann beschrieben, „der den neuen Begriff populär gemacht hat: Deglobalisierung.“

Bello hat die Finanzkrise mehrere Jahre vor dem aktuellen Zusammenbruch vorausgesagt und ist eine global anerkannte Persönlichkeit in der alternativen Globalisierungsbewegung. Die kanadische Autorin Naomi Klein nannte ihn den „führenden ernsthaften Revolutionär der Welt.“ 

 

(Ubersetzüng von Joerg Staudemeyer, innerhalb des www.m-e-dium.net Projekt)

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